Lea Grossmann hielt eine Festrede auf dem Hünerwadelplatz in Lenzburg
Rede auf dem Hünerwadelplatz für die Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Klasse.

Jugendfestrede Lenzburg 2019

 

«Ich habe sie sofort bemerkt, als sie reinkam.

Irgendwie eine Dame, aber vom Typ Mama.

Aber Mama, die ist heute Nacht nicht hier.

Sie wird chaotisch, chaotisch.»

 

Liebe Schülerinnen und Schüler

Liebe Jugendfestgäste

Habt ihr den Text erkannt? Es handelt sich um den Anfang des Liedes «She got me» von Luca Hänni auf Deutsch. Mit diesem Song und diesen Textzeilen wurde er Vierter am Eurovision Song Contest. Aktuell ist das Lied in den Top Ten der Schweizer Hitparade, und ich wette, an den Vorabenden lief es auch das eine oder andere Mal. Verrückt. Würdet ihr in einem Aufsatz diese Worte schreiben, ihr hättet einen glatten Einer. Was sagt uns das? Text wird überbewertet, und das Schreiben von Aufsätzen ist eh doof?

Nein. Ganz ehrlich: Mir kam einfach kein besserer Einstieg für meine Jugendfestrede in den Sinn. Es war nämlich gar nicht so einfach für mich, eine Rede für ein Publikum zu schreiben, dessen Jahrgang mit einer Zwei beginnt. Ich bin ein Kind der späten 1970er Jahre. Mein erster Vorabend war 1989. Aber weiter in die Vergangenheit möchte ich gar nicht blicken. Das Jugendfest zelebriert schliesslich die Jugend und somit die Zukunft.

Wie wird wohl das Jugendfest in 50 Jahren aussehen?

Machen wir zusammen eine kurze Zeitreise ins Jahr 2069. Jugendfest-Morgen: Siri wird von ihrer Mutter um 7:15 Uhr aus dem Schlaf gerissen. «Aufstehen! Der Schulflugbus wartet nicht auf dich.» Die Protonen-Dusche weckt Siris Lebensgeister. Danach zieht sie sich ihr blütenweisses Jugendfeströckchen an. Dieses wurde aus Plastik hergestellt, der aus den Weltmeeren gefischt und recycelt wurde. Nach dem Frühstück, das aus veganer, laktose- und glutenfreien Hanfmilch und einer «Vollkorn-Vitamin-Pille» besteht, steckt Siris Mutter ihr das blau-weiss blinkende Diadem auf den Kopf. Dann schlüpft Siri in die weissen Sandalen aus ehemaligen PE-Flaschen. Um 8:15 Uhr wird sie vom mit Wasserstoff betriebenen Schulflugbus abgeholt. «Tschüss, Siri! Wir sehen uns am und nach dem Umzug!» Ihre Mutter winkt ihr hinterher. Ein bisschen zu viel Theatralik, wie Siri findet. Aber so ist ihre Mutter.

Die Morgenfeier für Siri und Ihre Schulfreunde findet auf dem Hünerwadelplatz statt, hinter dem ehemaligen KV-Schulhaus, der heutigen Stadtverwaltung. Es wird gesungen und es wird eine Rede über das Jugendfest von früher geschwungen. Wo man auch hinschaut: Überall sieht man frohe Gesichter. Der Umzug auf den fliegenden Cloudboards  durch Lenzburg mit den vielen Schaulustigen ist der Höhepunkt für Siri wie für jedes andere Kind auch. Die Strassen und der Luftraum rund um Lenzburg wurde für den Verkehr aller Art eine Stunde lang gesperrt. Nur noch Lachen und freudiges Stimmengewirr ist in Lenzburg zu hören.

Nach dem Umzug trifft sich Siri mit ihrer Mutter und ihrem Vater in der Rathausgasse. Es gibt für alle einen «Red Berry Green Vegetables Brown Mushroom Detox Low Carb Smoothie» zu trinken und feine frittierte, fettfreie Grashüpfer. Die ganze Stadt ist auf den Beinen und feiert die Jugend.

Der Nachmittag verbringt Siri mit ihrer besten Freundin Alexa auf der Schützenmatte. Jede Bahn probieren sie zusammen aus. Der Raketenflug ins Weltall und zurück ist in diesem Jahr der Publikumsmagnet. Alle wollen einmal mitfliegen. Nach einer Stunde Wartezeit schaffen es auch Siri und Alexa in die Rakete. Selten hat sie etwas so begeistert. Diese Aussicht auf die Erde und den Mond, einfach phantastisch! Siri freut sich nun umso mehr auf die bevorstehenden Sommerferien auf dem Jupiter.

Beim Jugendfest-«Znacht», das aus einem Insekten-Burger mit Rosenkohl besteht, wird der neuste Klatsch und Tratsch ausgetauscht, und schon bald machen sich Siri und Alexa auf zum «Smartphoneumzug». Die Taschenlampenfunktion der verschiedenen Smartphones, zaubert  Millionen von Farbnuancen und -spiele in die Dunkelheit, und die Stadt wird in ein magisches Licht gehüllt. Die Ohs und Ahs der Zuschauer, welche die Strassen säumen, sind für Siri und alle anderen Schüler der Lohn für die aufwendige Programmierung.

Der krönende Abschluss bietet die Lasershow, die hoch am Himmel über dem Schloss Lenzburg stattfindet. Der Stadtrat schaffte vor 45 Jahren das Feuerwerk ab. Nicht wegen der Feinstaubbelastung, sondern weil eine Lasershow mit der passenden Musik dazu einfach spektakulärer ist. Nach der farbenreichen Vorstellung fliegen eine glückliche Siri mit ihren Eltern in ihrem Mondkreuzer, dem Tesla unter den Personenflugobjekten, nach Hause. Es ist schon schön, Kind zu sein.

Ihr habt sicher bemerkt: So viel anders wird der Ablauf des Jugendfests in 50 Jahren nicht sein. Das hat seinen Grund: Das Lenzburger Jugendfest hat eine lange Tradition. Und ich bin sicher, dass an dieser Tradition festgehalten wird. Es wird auch in 50 Jahren eine Feier hier auf dem Hünderwadelplatz geben, wie auch einen Umzug durch die Stadt. Das alles wahrscheinlich mit mehr Technik und Firlefanz.

Vielleicht denkt ihr in 50 Jahren kurz an die Tante, die 2019 in ihrer Jugendfestrede meinte, dass sich das Lenzburger Jugendfest nicht gross verändern wird. Erst dann wissen wir nämlich, ob ich heute mit meiner Prognose richtig liege.

So oder so: Euch allen wünsche ich von Herzen ein wunderbares Jugendfest.

Danke @ Olivier Vermeulen für das Foto.

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