Leas Geschichten

Lauf Lara, lauf!

„Ich kann das nicht!“
„Doch. Du kannst das!“
„Nein!“
„Wir können uns weiterhin wie fünfjährige Gören im Kindergarten unterhalten, oder du tust jetzt einfach das, was du tun musst.“

Laras Blick geht ins Leere. Simon hat recht. Oh, wie sie das hasst. Noch mehr hasst sie, dass er meistens recht hat. Sie ballt die Hände zu Fäusten und möchte am liebsten auf ihn eindreschen. Einfach zuschlagen. Seine selbstgefällige Visage ein wenig demolieren. Nur ein bisschen. Mit Mühe und Not kann Lara sich beherrschen. Sie schluckt. Atmet tief durch. 

„Geht’s wieder?“ Simon mustert Lara. Seine Augenbrauen sind so stark zusammengezogen, dass sie sich fast berühren. Lara nickt und dreht sich von ihm weg. Das Zimmer scheint immer kleiner zu werden. Kommen die Wände auf sie zu? Die Augen zusammengepresst, massiert Lara mit den Mittelfingern ihre Schläfen. Wobei sie darauf achtet, dass die Mittelfinger in Richtung Simon zeigen. 

„Es ist ja nicht so, dass du dazu gezwungen wirst, Lara.“. Mit seiner versöhnlichen Stimme durchbricht Simon die Stille. „Aber du hast dich dazu entschieden, also zieh es jetzt verdammt nochmal durch.“ Die letzten zwei Sätze haben an Schärfe und Lautstärke dazugewonnen. Lara zuckt zusammen. Langsam dreht sie sich um und schaut Simon direkt in die Augen. 

„Nenn mich naiv…“. „Naiv!“, neckt Simon sie. Lara kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Ich konnte mir nie vorstellen, dass es so schwer sein wird, wenn es so weit ist. Verstehst du? Nein. Du verstehst das natürlich nicht. Du bist ja Mister Perfekt. Du hast ja alles so im Griff. Du bist fehlerfrei. Du…“. Weiter kommt Lara nicht. „Jetzt halt mal die Luft an!“, grollt Simon. „Es fiel mir auch nicht leicht. Das weisst du. Ich hatte allerdings keine Angst, so wie du jetzt. Respekt ja. Angst nie. Die solltest du auch nicht haben. Du kannst das.“

Wie schön es wäre, wenn Lara auch in dem Ausmass von sich überzeugt wäre wie Simon. Sie ist es nicht. Es könnte so viel passieren. Ein Horrorszenarium jagt das andere in ihrer Vorstellung. Laras Zukunft steht auf dem Spiel. Wenn sie dieses Zimmer jetzt verlässt, wird sich alles verändern. Davon ist sie felsenfest überzeugt. Simon hat vor einem Monat den Schritt gewagt. Seitdem ist er nicht mehr derselbe. Er wirkt reifer und erfahrener. Lara kennt ihn seit mehr als zehn Jahren. Sie haben zusammen studiert. Mehr als rein platonische Freundschaft entstand nie zwischen ihnen. Sie haben sich einfach nicht körperlich zueinander hingezogen gefühlt. Diese Tatsache widerspricht allerdings Laras Lieblingsfilm „Harry und Sally“. Denn die Filmfigur Harry ist der Meinung, Männer und Frauen könnten niemals Freunde sein, weil ihnen immer der Sex dazwischenkomme. Im Film stimmt diese Aussage schliesslich auch. Bei Simon und Lara verhält es sich seit je her anders. Wieso auch immer.

Simon und Lara. Ein Zweiergespann, das durch dick und dünn geht. Sie haben sich bei Liebeskummer gegenseitig getröstet, haben zusammen gelernt, gefeiert und das Leben genossen. Und jetzt steht Simon vor ihr und muss ihr den letzten Schubs geben, damit sie das Zimmer verlässt. „Es ist Zeit, Lara. Du musst jetzt gehen. Die anderen warten auf dich. Ich glaube fest an dich – und das solltest du auch.“ 

Lara kämpft gegen einen Fluchtversuch an. Am liebsten wäre sie durch die Türe gerannt und immer weiter und weiter. Wie Forrest Gump. Lauf Lara, lauf! 

Simon umarmt Lara kurz, tätschelt ihren Rücken und schiebt sie zur Türe. „Geh jetzt und zeig es ihnen!“ Lara strafft ihre Schultern schaut zurück zu Simon, der ihr ein aufmunterndes Lächeln schenkt. Jetzt spürt sie es. Sie ist soweit. Das Adrenalin pumpt durch ihre Adern. Ja! Sie kann das. 

Zielstrebig schreitet sie zum Operationssaal 1. Das Baby einer 31-jährigen Frau muss mittels Kaiserschnitts auf die Welt gebracht werden. Laras erste Operation in Eigenregie als Chirurgin.

 

Meine Inspiration zur Geschichte gaben mir die unvergleichlichen „Mumford & Sons“ mit ihrem „Guiding Light“.

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