Leas Geschichten

Angekettet

Die Hitze der vergangenen Tage staut sich in den Gassen. Kein Lüftchen weht. Hinter den Dächern der Altstadt geht die Sonne unter. Die Gespräche  der Restaurantbesucher hallt zwischen den Häuserzeilen als Gemurmel wider.

Alles ist gut. Gut so, wie es ist.

Nur Melanie kann den Abend nicht geniessen. Sie ist mit einer Handschelle am Bett gefesselt. Die Temperatur im Schlafzimmer hat die 30-Grad-Grenze überschritten. Die Fenster ihrer Altstadtwohnung stehen offen, aber draussen ist es ähnlich warm. Melanie schwitzt und an ihrem gefesselten Arm rinnen Schweisstropfen hinunter. Sie kitzeln.

Was hat sie sich nur dabei gedacht. Melanie kann immer wieder nur den Kopf über sich selbst schütteln. Sich zu befreien, hat sie längst aufgegeben. Es nützt nichts. Der Schlüssel für die Handschellen ist unauffindbar. Sie und ihr Partner Reto sind seit über fünf Jahren zusammen, und eine gewisse Routine hat sich ins Schlafzimmer geschlichen. Melanie dachte, ein wenig Pepp ins Bett zu bringen, kann nicht schaden. Aus Jux hat sie bei einem Erotik-Onlineshop Handschellen gekauft. Und jetzt liegt sie seit zwei Stunden mit diesen angekettet da. Sie wollte doch nur die Dinger ausprobieren. Spüren, wie sich die Handschellen an ihrem Handgelenk anfühlen. Dass kein Schlüssel in der Verpackung war, ist ihr in ihrer Euphorie nicht aufgefallen. Kopflos hat sie sich die eine Hand am Bettkopfteil aus Massivholz befestigt. Und wie massiv das Holz ist! Erst beim Einrasten ist ihr der Schlüssel in den Sinn gekommen; und sie ist daraufhin ausgerastet. Nach minutenlangem Zerren gab sie auf. Ihr Handgelenk schmerzte von der Reibung. Eigentlich hatte sich Melanie vorgestellt, an anderen Stellen wund zu werden, wenn sie die Handschellen trägt… Dieser Gedanke bringt sie zum Kichern, auch wenn die Situation alles andere als lustig ist.

Ihr Smartphone befindet sich ausserhalb Griffweite. Von ihrer Warte aus sieht sie es auf dem Esszimmertisch liegen. Das Esszimmer grenzt an das Schlafzimmer und die Türe steht offen. Sie sieht auch, dass es immer wieder aufleuchtet. Sind es WhatsApp-Eingänge? Anrufe? Sie weiss es nicht. Sie weiss nur eines, sie wird bald irre, wenn sie noch länger auf dem Bett liegen muss.

Hinzu kommt ihre volle Blase. «Bei Hitze sollst du viel trinken», hört sie ihre Mutter in Gedanken. Sie hörte auf ihre Mutter und jetzt hat sie das Gefühl, dass ihr Unterleib kurz vor dem Platzen steht. Schmerzhaft ist nur der Vorname. Melanie versucht, an etwas Anderes zu denken. Das entpuppt sich aber als Ding der Unmöglichkeit. Verzweifelt probiert sie erneut, ihre Hand zu befreien. Ohne Erfolg. Aus purem Zorn über sich selbst treten ihr Tränen in die Augen. Die Verzweiflung übermannt sie.

Seit Jahren hat sie nicht mehr gebetet. Das ändert sie jetzt und betet still und leise vor sich hin, dass endlich Reto von der Arbeit nach Hause kommen möge. Seinen Dienstplan kennt sie nicht auswendig. Den hat sie auf ihrem Smartphone gespeichert, und das Smartphone liegt ja… Melanie stöhnt verzweifelt. Alles hat sich gegen sie verschworen. Sie hasst die Wohnung mit dieser ständigen Hitze im Sommer, sie hasst Reto mit seinen unregelmässigen Arbeitszeiten, und sie hasst ihre volle Blase. Aber am meisten hasst sie die Handschellen, die sie erst in diese Situation gebracht haben. Sie wird dem Erotik-Onlineshop die Leviten lesen. So viel ist sicher. Ein böser Brief wird nicht reichen. Oh nein, bei weitem nicht! Üble Rachegelüste nisten sich in ihre Gedanken – trotz vorherigem Gebet. Der CEO wird von ihr ein wunderbares Paket mit abgelaufenem Blauschimmelkäse, garniert mit drei Wochen altem Fisch und ein paar Dezilitern von ihrem Blaseninhalt erhalten. Vielleicht auch ein paar Liter, wenn sie noch lange hier liegen muss.

Melanie kann nicht mehr. Sie stellt sich vor, wie ihre Augen bereits gelb sind. Und dann hört sie das Drehen des Schlüssels an der Wohnungstüre. Endlich! Endlich kommt Reto nach Hause. «Hallo Schatz? Bist du zu Hause?» Sie hört die Schritte, die sich in Richtung Esszimmer bewegen. «Ich bin im Schlafzimmer! Komm sofort her!», ruft sie vor Freude ganz ausser sich. Im Türrahmen erscheint Retomit gerunzelter Stirn. Schnellen Schrittes ist er bei ihr.
«Was hast du bloss gemacht?»
«Nach was sieht es aus? Ich habe mich ans Bett gefesselt, und der verdammte Schlüssel war nicht in der dreimalverfluchten Verpackung. Öffne um Himmels willen die Handschellen, sonst platzt meine Blase. Für irgendwas bist du ja schliesslich Polizist!» spuckt sie ihm regelrecht ins Gesicht.
Er kniet neben sie hin und schaut sich die Handschellen an.
«Ach Melanie. Die funktionieren schlüssellos. Sie haben hier einen kleinen Knopf. Drückst du drauf, gehen sie auf. Ganz einfach.»

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