Leas Geschichten

Heiligabend

Mit zitternden Händen zündet sie die Kerze an und setzt diese vorsichtig auf sein Grab. Das rote Licht vermag sie nicht trösten. Eine einzelne Träne rinnt ihr die Wange hinunter. Sie schnieft. Der erste Heiligabend ohne ihn. Noch vor einem Jahr war er bei ihr. Ihr kommt es wie eine Ewigkeit und zehn Jahre vor. Sie vermisst ihn. Sehr. Als er von ihr ging, war sie erleichtert, dass sein Leiden endlich ein Ende gefunden hat. Der Krebs hat sich langsam aber stetig in seinem Körper ausgebreitet, bis nur noch eine Hülle von ihm übrig war. Sie schüttelt sich beim Gedanken an die letzten Tage seines Daseins. Es war gelinde ausgedrückt eine Tortur. Ein Serbeln. Wie bei einer Rottanne nach dem Weihnachtsfest. Jetzt ist sie alleine. Fünfzig Jahre war er ihr Gefährte. Kinder wollten sie keine. Sie hatten ja sich. Nie hat ihnen etwas gefehlt. Sie waren zufrieden und glücklich miteinander.

Sie betrachtet sein Grab. Nichts blüht, alles ist verwelkt. Nur das Licht der Kerze lässt es nicht ganz so trostlos wirken. Gerne wäre sie auch gleich mit ihm gegangen. Häufig hat sie es sich ausgemalt, wie es wäre, ihn auf der anderen Seite wieder zu sehen. Ihn wieder in ihre Arme zu schliessen. Er wäre wahrscheinlich fuchsteufelswild geworden, wäre sie ihm gefolgt. Er wünschte sich für sie, dass sie das Leben ohne ihn an ihrer Seite weiterhin geniesst. Sie soll weiterhin auf Reisen gehen. Neue Leute kennenlernen, neue Länder entdecken. So, als wäre er noch immer bei ihr. Sie konnte sich bisher nicht aufraffen. Im nächsten Jahr dann bestimmt. Oder dann halt im übernächsten Jahr.Eine weitere Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel. Sie friert. Ihre Hände fühlt sie vor Kälte kaum noch. Und doch zieht es sie nicht nach Hause. Es wartet niemand auf sie.

„Guten Abend“. Sie zuckt zusammen. Ein älterer Herr steht neben ihr. Sie kennt ihn nicht. Er steht vor einem Grab, welches noch nicht lange besteht. Sie hat ihn nicht kommen hören. „Guten Abend,“ stösst sie hervor.“Ich wollte Sie nicht erschrecken. Es tut mir leid.“ Der Mann blickt sie mit traurigen Augen an. „Es ist der erste Heiligabend ohne sie. Nie habe ich mir vorstellen können, dass es so schlimm sein wird. Sie sind heute der erste Mensch, mit dem ich spreche. Verrückt.“ Der Mann schweigt und blickt gedankenverloren auf das Grab seiner verstorbenen Ehefrau.“Ihre Empfindungen kann ich nachvollziehen. Es ist ein schrecklicher Tag. Jeder Tag ist schrecklich, aber heute…“ Sie schweigt. Sie kann ihre Gefühle nicht in Worte fassen. Er nickt. Sagt nichts. „Was meinen Sie, wird es irgendwann mal einfacher? Werden die Tage und Nächte besser? Nimmt das Gefühl der Taubheit einmal ab?“ Sie spricht die Worte leise.

„Ich weiss es nicht. Das Vermissen macht mir am meisten zu schaffen. Ich vermisse einfach alles. Ich möchte mein altes Leben zurückhaben. Das Leben mit ihr.“ Seine Stimme ist zittrig und hört sich verzweifelt an. Aus einem inneren Impuls heraus greift sie nach seiner Hand. Sie ist kalt wie ihre. Trotzdem spendet sie tröstende Wärme.

„Wissen Sie was? Wir könnten uns auch irgendwo in der Wärme selbst bemitleiden. Das Restaurant Ochsen ganz in der Nähe hat geöffnet. Ein Kaffee täte uns doch gut!“ Woher sie den Mut nimmt, um einem Fremden dies vorzuschlagen, weiss sie nicht. Es fühlt sich im Moment einfach richtig an. Er nickt und drückt dankbar ihre Hand. „Das ist eine gute Idee. Den Schnaps dazu spendiere ich.“

Diese Geschichte habe ich zum ersten Mal am 19. Dezember 2016 veröffentlicht. Möchtest du weitere Kurzgeschichten von mir lesen, dann findest du die gesammelten Werke in folgenden Buchhandlungen (Print on demand oder als eBook):

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2 Kommentare zu “Heiligabend

  1. Karsten Schulz

    Besinnlich und schön. Bisher folgerte ich nur auf Twitter, nun auch hier. Weihnachtsgrüße von Karsten Schulz

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