Leas Geschichten

Zerbrochen

Endlich! Endlich ist es vorbei! Er zog ihn raus und ich konnte meine verkrampften Muskeln entspannen. Noch immer pochen die Nachwehen durch meinen Körper. Ich bin schweissgebadet. Zwischen meinen Brüsten sammelt sich die Nässe und rinnt langsam in Richtung Bauchnabel. Meine Haare kleben an meiner nassen Stirn und mein Shirt klebt an meinem Rücken. Er lächelt mich süffisant an und meint mit einem nach Vater klingenden Ton: „So schlimm war es doch gar nicht“. Oh wie gerne hätte ich ihm in diesem Moment meine Faust fest in sein selbstzufriedenes Gesicht krachen lassen. Ich schliesse die Augen. Eine Träne schleicht sich unter meinen geschlossenen Augenlidern hindurch und läuft langsam meine Wange hinunter. Er gibt mir ein Papiertuch, damit ich mich säubern kann. „Ich warte draussen“, höre ich ihn sagen, bevor er das Zimmer verlässt.

Es war schlimm. Ich wollte es nicht. Immer wieder wollte ich aufstehen und die Flucht ergreifen. Ich konnte nicht. Wie gelähmt lag ich da und liess es über mich ergehen. Als der Höhepunkt kam, verkrampfte ich mich dermassen, dass ich das Gefühl hatte, zu implodieren. Jetzt fühle ich mich innerlich zerbrochen. Immer wieder redete er auf mich ein, ich solle mich locker machen. Es ginge dann einfacher für ihn. Pah! Er denkt nur an sich. Wie ich mich dabei fühle, ist im scheissegal. Ich hasse ihn. Ihn und seine Macht über mich und meinen Körper. Ich bin ihm ausgeliefert. Kann mich nicht wehren.

Während der Tortour versuchte ich mich mit autogenem Training zu entspannen. Erfolglos. Die widerlichen Geräusche, die er verursachte konnte ich nicht ausblenden. Nein! Sie hallen noch immer in meinem Bewusstsein nach. Wie konnte er mir das nur antun! Angewidert schüttle ich meinen Kopf. Meine Nase läuft, und ich wische sie mit meinem Taschentuch, welches ich fest in meiner Faust umklammere, ab. Ich schniefe und richte mich langsam auf. Mein Schädel pocht und mein Mund fühlt sich taub an. Letzteres ist gut so. Tief atme ich ein und wieder aus. Lasse dem widerlichen Geruch, der sich in meiner Lunge gesammelt hat, freien Lauf. Das Einatmen der abgestandene Luft in diesem Zimmer ist allerdings nicht viel besser.

Vorsichtig stelle ich meinen rechten Fuss auf den Boden, richte mich komplett auf und erhebe mich mit zitternden Beinen. Ich muss mir Halt an der gegenüberliegenden Wand suchen. Mein Kopf droht zu explodieren und meine Beine wollen mich nicht tragen. Ich fühle mich wie ein Häufchen Elend. In diesem Zustand kann ich unmöglich das Zimmer verlassen. Ich bin versucht, ihn zu rufen, dass er mich stützt, dass er mir hilft. Aber eine weitere Demütigung vertage ich nicht. Ich will mit hoch erhobenen Kopf vor seine Augen treten. Das bin ich mir und meinem Quäntchen Stolz, das ich nach dieser längsten Stunde meines Lebens noch besitze, schuldig.

Ich entferne mich von der stützenden Wand. Die Beine halten mich. Ich versuche mich wieder einigermassen herzurichten, damit ich das Zimmer verlassen kann. Draussen steht er und schaut mich mit grosser Sorge an. „Ha! Das kommt jetzt aber reichlich spät – du Arsch!“ denke ich. Er reicht mir seine warme und trockene Hand. Meine ist kalt und feucht wie Eis.

„Frau Grossmann. Hier noch eine kleine Packung Ibuprofen, für den Fall, dass Sie Schmerzen bekommen beim Nachlassen der Narkose. Wir sehen uns dann in einer Woche. Dann werde ich Ihnen den zweiten Weisheitszahn ziehen.“

GOTT BEWAHRE!

…und weil es passt…

 

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Layout 1

 

 

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